Interview mit Fredy-Michel Roten
EINSTIEG / ROLLE DES KWRO (KANTONALE WALLISER RETTUNGSORGANISATION)
1. Wie würden Sie die Rolle der KWRO 144 im Wallis in wenigen Worten beschreiben?
- Die KWRO hat die Aufgabe das Rettungswesen im Wallis gesamthaft zu verantworten. Dies beinhaltet die Ausbildung, Qualitätskontrolle, Koordination, Subvention sowie das Betreiben der SNZ 144.
2. Was hat Sie persönlich motiviert, die Leitung der KWRO zu übernehmen?
- Ich war immer schon an der Rettung interessiert. Mit 17 Jahre in der Nähe von Boston im Rettungsdienst begonnen und konnte diese Passion nie mehr loslassen. Dann folgte ein Medizinstudium, die Ausbildung zum Notarzt und Anästhesisten. Dann kam diese freie Stelle, welche mich natürlich mit all seinen Aufgaben und Verantwortung interessierte. Dazu kommt natürlich: der Weg zurück ins Wallis.
HIGH-TECH IM RETTUNGSDIENST
1. Welche Vorteile bringt moderne Technologie im Rettungsdienst – von der Leitstelle bis zum Einsatzort?
- Vor allem muss es dem Patienten etwas bringen: vom Anruf auf die 144 bis zur Endversorgung im Spital. Die Technologie muss hier vor Allem dem Gesundheitsfachpersonal die Arbeit unter Stress vereinfachen und automatisieren.
2. Wo sehen Sie die grössten Chancen durch Digitalisierung, Telemedizin und moderne Systeme?
- Die Automatische Geolokalisation, Video-Analyse des Patienten, digitale Erfassung des Einsatzprotokolls sowie die Geolokalisation der Einsatzmittel für Next-Best-Aufgebote sind nur einige Beispiele, welche schlussendlich dem Patienten zugutekommen. In der Telemedizin gibt es noch einiges zu tun, aber es benötigt weiterhin auch Skills vor Ort, nicht nur Wissen… das macht alles etwas schwieriger. In der Grundversorgung, bei nicht-dringlichen Einsätzen (low-codes), kann sicherlich mehr mit Telemedizin gemacht werden.
NO-TECH-SZENARIEN & RESILIENZ
1. Was passiert, wenn Technik versagt – Funklöcher, Stromausfälle oder defekte Geräte?
- Die KWRO hat hierfür einige Weisungen und Redundanzen: Festnetz, Polycom, Satellitentelefone, Starlink, Notstromaggregate, zweite SNZ, mobile SNZ sowie gleiches für das professionelle Dispositiv. Für Bevölkerung und die Miliz ist das etwas schwieriger. Hier kommen Notfalltreffpunkte zum Zug.
2. Wie bereitet die KWRO ihre Mitarbeitenden auf solche „No-Tech-Szenarien“ vor?
- Wir stellen sicher, dass oben genannte Weisungen bekannt sind und Notfallpläne werden wiederholt beübt.
3. Welche Bedeutung haben klassische Skills und Erfahrung, wenn High-Tech nicht verfügbar ist?
- Man muss immer einen Plan B haben, da die Technik zwar das Leben vereinfacht, aber eben auch mal ausfallen kann. Dieser Ausfall gilt es so stark wie möglich zu reduzieren. Aber Papier und Stift muss griffbereit bleiben.
NOTRUFZENTRALE – TECHNIK & MENSCH
1. Wie fühlt es sich an, wenn in der Zentrale mehrere lebensbedrohliche Notrufe gleichzeitig eingehen und sofort priorisiert werden muss?
- Wir haben teilweise bis zu 6 Arbeitsplätze in Betrieb. Anrufe müssen in 10 Sekunden angenommen werden. Diese werden in den ersten Sekunden triagiert, so dass auch manchmal eine stabile Situation warten muss, da zuerst die vitale Bedrohung bedient wird. Die Zentrale sowie das Dispositiv ist jedoch so ausgelegt, dass es hier sehr selten zu Engpässen kommt.
2. Welche menschlichen Fähigkeiten sind in der Notrufzentrale wichtiger: Technikverständnis oder Empathie am Telefon?
- Die Gretchenfrage: es braucht natürlich beides. Es muss empathisch mit dem Patienten umgegangen werden, während man parallel zum Gespräch technisch die nötigen Mittel aufbietet.
3. Wie gehen die Mitarbeitenden damit um, wenn sie nur über Telefon und Funk helfen können – ohne vor Ort zu sein?
- Das müssten wir die Mitarbeiter fragen. Für einige ist das ein Segen für die anderen ein Fluch. Sicher ist, dass Ihre Arbeit essenziell ist und sie direkt sowie indirekt dem Patienten helfen können. Ohne die SNZ würde der Rest der Rettungskette nicht aktiv.
4. Wie schützen Sie Ihr Team vor psychischer Überlastung nach belastenden Einsätzen?
- Coping Strategien sind unseren Mitarbeiter bekannt und Sie haben ebenfalls die Möglichkeit Einsätze, unter Einhaltung der Schweigeplicht, mit Kollegen und Kader zu besprechen. In Einzelfällen haben sie die Möglichkeit auf Notfallpsychologische Konsultation.
5. Was ist für Sie persönlich das Schwierigste: die technische Komplexität der Disposition – oder die menschliche Tragweite jeder Entscheidung?
- Entscheidungen unter Stresssituationen sind schwierig und fehleranfällig. Um dies zu unterbinden werden strukturierte Abfrageschemas angewandt. Die Technik hilft hier also bei stressigen Situationen richtig zu reagieren.
ZUSAMMENARBEIT & ZUKUNFT
1. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Rettungsdienste und die KWRO im Wallis in den nächsten zehn Jahren?
- Die Rettungslandschaft wird sich in den nächsten 10 Jahren verändern. In welche Richtung und in welchem Tempo ist wenig klar. Wichtig ist, sich den Veränderungen anzunehmen und sich antizipiert anzupassen. Die KWRO betreibt dabei ein kontinuierliches Monitoring, welches uns ermöglicht Änderungen rasch zu erkennen und darauf zu reagieren. Ganz allgemein wird der Zuwachs von Einsätzen kombiniert mit dem Fachkräftemangel uns noch länger beschäftigen.